Aktuelle Situation in der Ukraine aus Sicht des Strahlenschutzes in Österreich
Quelle: Strahlenschutz Österreich Kernkraftwerk SaporischschjaWeitere Kernkraftwerke in der UkraineAnlagen bei TschernobylWeitere InformationenFAQs zur radiologischen Situation in der Ukraine
Die Abteilung Strahlenschutz im Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft (BMLUK) ist zuständig bei radiologischen Notfällen. Dazu überwacht das Ministerium rund um die Uhr alle Ereignisse und Messwerte und ist in ständiger Abstimmung mit den Behörden unserer Nachbarländer, der EU und der Internationalen Atomenergieorganisation IAEO. Sollte es in kerntechnischen Anlagen zu sicherheitsrelevanten Ereignissen kommen, informiert die Abteilung für Strahlenschutz und setzt alle notwendigen Schritte: von der laufenden Beobachtung und Einschätzung der Situation, über die umfassende Information der Menschen in Österreich bis hin zur Umsetzung von Schutzmaßnahmen.
Seit Beginn der russischen Invasion der Ukraine am 24. Februar 2022 überwacht die Strahlenschutzabteilung die radiologische Lage in der Ukraine genau und steht verstärkt im Austausch mit den Behörden der Ukraine und der Nachbarländer sowie mit der IAEO. Die vier ukrainischen Kernkraftwerke (KKW): Riwne, Saporischschja, Chmelnyzkyj und Süd-Ukraine liegen 700 bis 1.300 km von der österreichischen Staatsgrenze entfernt. Seit Januar 2023 überwachen Teams von Expert:innen der IAEO vor Ort an allen KKW-Standorten in der Ukraine dauerhaft die Lage.
Die vier ukrainischen Kernkraftwerke werden immer wieder von Kampfhandlungen und Problemen mit der externen Stromversorgung bedroht. Insbesondere das größte Kernkraftwerk Europas, Saporischschja, steht diesbezüglich im Fokus.
Die wichtigsten aktuellen Ereignisse:
- Seit Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine im Februar 2022 kam es mehrmals zu Ausfällen der gesamten externen Stromversorgung des KKW Saporischschja. Während dieser Ausfälle wurde das KKW über Notstromdieselgeneratoren mit Strom versorgt.
- Laut Expert:innen der IAEO vor Ort sowie der ukrainischen Nuklearaufsichtsbehörde kommt es weiterhin zu Drohnenangriffen in der näheren Umgebung der Kernkraftwerke Südukraine, Riwne und Chmelnyzkyj sowie zu militärischen Angriffen auf die ukrainische Energieinfrastruktur.
Kernkraftwerk Saporischschja
Die Anlage Saporischschja ist etwa 1.300 km von Österreich entfernt. Es besteht aktuell keine Gefahr für Österreich. Die Expert:innen des Bundesministeriums beobachten die Lage laufend.
Kampfhandlungen
Das Kernkraftwerk Saporischschja wurde wiederholt durch Drohnen angegriffen und ist vermehrt von Kampfhandlungen betroffen. Laut IAEO wurden keine kritischen Schäden in der Anlage verursacht, die Sicherheitslage ist aber weiterhin prekär.
Seit Kriegsbeginn wurde das KKW, das direkt an der Kampflinie liegt, immer wieder durch Kampfhandlungen bedroht.
- Am 11. August 2024 hat ein Brand einen der beiden Kühltürme schwer beschädigt.
- Am 17. August 2024 kam es zur Explosion einer Drohne in unmittelbarer Nähe des Kraftwerksgeländes.
- Am 13. Juli 2025 kam es zu militärischen Kampfhandlungen am Anlagengelände, nahe den Reaktorblöcken 5 und 6.
- Am 2. August 2025 wurde ein Hilfsgebäude des KKW beschossen und brannte daraufhin längere Zeit. Das Gebäude liegt etwa 1.200 Meter außerhalb des Anlagengeländes. Von den Kampfhandlungen betroffen war auch das außerhalb des Anlagengeländes gelegene Trainings-Center des KKW, sowie die etwa 5 km entfernte Stadt Enerhodar, in der ein großer Teil des KKW-Personals mit ihren Familien wohnt.
Bisher wurden laut IAEO in der Anlage keine kritischen Schäden verursacht; die Sicherheitslage verschlechtert sich jedoch aufgrund der vermehrten militärischen Aktivitäten nahe des KKW.
Externe Stromversorgung des KKW Saporischschja
Von 23. September bis 23. Oktober 2025 kam es zu einem kompletten Ausfall der externen Stromversorgung des KKW Saporischschja. Von den ursprünglich zehn externen Stromleitungen, war die letzte verbleibende Hauptstromleitung (750 kV Leitung „Dniprovska) beschädigt worden. Die Reparatur dieser Leitung konnte schließlich während eines von der IAEO ausgehandelten lokalen Waffenstillstandes durchgeführt werden. Auch die letzte verbleibende Backup-Leitung wurde nach einem fast sechs monatigem Ausfall wieder angeschlossen werden.
Am 13. Dezember 2025 kam es zum 12. Mal zu einem kompletten Ausfall der externen Stromversorgung. Zurzeit (Stand 18.12.2025) wird das KKW wieder durch die zwei Stromleitungen mit Strom versorgt.
Alle sechs Reaktoren des KKW wurden kurz nach Kriegsbeginn abgeschaltet. Dennoch benötigen sie weiterhin Strom für die Reaktorkühlung und andere wesentliche Funktionen der nuklearen Sicherheit und Sicherung. Bei einem Ausfall der externen Stromversorgung stehen Notstromdieselgeneratoren bereit, um alle sicherheitsrelevanten Geräte mit Strom zu versorgen. Gemäß IAEO ermöglichen die gefüllten Dieseltanks der Notstromdieselgeneratoren eine Notstromversorgung über etwa 20 Tage. Bei regelmäßiger Nachfüllung entsprechend länger.
Verminung der Anlage und schwere Waffen im KKW Saporischschja
Aufgrund von im Mai 2023 bestehenden Gerüchten über einen bevorstehenden Abzug der russischen Besatzer vom KKW und über eine Verminung der Anlage inspiziert die IAEO das Gelände regelmäßig. Eine Verminung wurde zwischen dem inneren und äußeren Zaun der Anlage festgestellt. Die Expert:innen der IAEO fanden in den für sie zugänglichen Teilen der Anlage selbst keine Hinweise auf eine weitere Verminung oder die Lagerung von schweren Waffen. Die IAEO hat aber nie zu allen Teilen der Anlage gleichzeitig Zutritt, fordert diesen jedoch regelmäßig ein.
Versorgung mit Kühlwasser nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms
Am 6. Juni 2023 wurde der Kachowka-Staudamm in der südukrainischen Region Cherson durch Kriegshandlungen schwer beschädigt. Das Kernkraftwerk Saporischschja wurde bis dahin mit Wasser aus dem Kachowka-Stausee gekühlt. Laut IAEO ist die langfristige Kühlwasserversorgung durch zusätzliche Brunnenbohrungen und Pumpen sichergestellt.
Alle sechs Reaktoren des KKW sind seit längerer Zeit heruntergefahren und benötigen deshalb verhältnismäßig wenig Kühlleistung. Das KKW verfügt über eigene, vom Stausee getrennte, aber aus ihm gespeiste Kühlbecken, um die Kühlung bis auf Weiteres zu gewährleisten.
Nuklearaufsicht und nukleare Sicherheit
Die russische Besatzung hat der zuständigen ukrainischen Nuklearaufsichtsbehörde die behördliche Kontrolle über das Kernkraftwerk entzogen. Die Anlage steht seit März 2022 unter russischer Kontrolle. Das deutlich unterbesetzte Betriebspersonal steht aufgrund der Situation seit über drei Jahren enorm unter Druck und Stress. Dadurch steigt die Gefahr von Fehlbedienungen des KKW. Entsprechend den aktuellen Bewertungen der IAEO ist die nukleare Sicherheit des KKW Saporischschja aufgrund der anhaltenden Kampfhandlungen und die seit Kriegsbeginn unzureichende Wartung gefährdet.
Ein Team von Expert:innen der IAEO ist seit September 2022 in Saporischschja vor Ort. Sollte sich die Lage im KKW verändern, erhält die Abteilung Strahlenschutz im BMLUK umgehend Informationen über die IAEO.
Hintergrundinformation
Die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) startete am 1. September 2022 eine Mission von Expert:innen zur Überprüfung der Sicherheit des Kernkraftwerks Saporischschja. Grund für die Mission waren Kampfhandlungen rund um das Kernkraftwerk, die zu Beschuss der Anlage und wiederholtem Verlust der externen Stromversorgung geführt hatten. Aufgabe der Expert:innen der IAEO war das Sichten und Bewerten der Schäden an der Anlage und das Überprüfen der Sicherheitssysteme des KKW sowie der Maßnahmen zur Sicherung des Nuklearmaterials.
Weitere Kernkraftwerke in der Ukraine
Die Reaktoren der KKW Südukraine, Riwne und Chmelnyzkyj sind weiterhin in Betrieb.
Energie-Infrastruktur
Die ukrainische Energie-Infrastruktur und somit die externe Stromanbindung der Kernkraftwerke sind vermehrt Ziel von russischen Angriffen. Laut IAEO ist ein zuverlässiges und stabiles Stromnetz notwendig für die Sicherheit der in Betrieb befindlichen ukrainischen Kernkraftwerke. Aufgrund der zunehmenden Netzschwankungen musste die Leistung der drei Kernkraftwerke mehrmalig reduziert werden.
Kernkraftwerke, die in Betrieb sind, benötigen für ihre Kühlung weitaus mehr Energie als zum Beispiel das seit 2022 abgeschaltete Kernkraftwerk Saporischschja. Ein vollständiger Stromausfall wäre bei diesen Anlagen aufgrund der noch hohen Nachzerfallswärme der Brennelemente kritischer.
Kampfhandlungen
Laut Berichten der ukrainischen Nuklearaufsichtsbehörde und von IAEO Mitarbeiter:innen vor Ort überflogen vermehrt Raketen und Drohnen die drei Kernkraftwerke oder drangen in den gesperrten Luftraum (Flugverbotszone) rund um die KKW ein. Es wurde auch wiederholt von Detonationen in der unmittelbaren Nähe dieser KKW berichtet. Aktuell gibt es keine Berichte über kritische Schäden an den drei Kernkraftwerken.
Teams von Expert:innen für nukleare Sicherheit und Sicherung der IAEO sind weiterhin in den ukrainischen Kernkraftwerken und am Standort Tschernobyl stationiert. Die IAEO-Expert:innen sind für die Überwachung der Situation in den Anlagen sowie für technische Unterstützung und Beratung zuständig. Riwne befindet sich circa 700 km, Chmelnyzkyj circa 720 km und der Standort Südukraine circa 1.050 km von der österreichischen Grenze entfernt. Die derzeit vorliegenden Messdaten der Ukraine im europäischen Messnetz zeigen keine Messwerterhöhungen. Es besteht aktuell keine Gefahr für Österreich.
Anlagen bei Tschernobyl
Laut IAEO kam es am 1. Oktober 2025 zu einem 16-stündigen Ausfall der Stromversorgung der neuen Schutzhülle ("New Safe Confinement") des stillgelegten KKW Tschernobyl. Grund war die Beschädigung eines Umspannwerkes durch Kampfhandlung. Die ukrainische Nuklearaufsichtsbehörde und IAEO Mitarbeiter:innen vor Ort meldeten weitere Drohnenüberflüge im gesperrten Luftraum von Tschernobyl.
In der Nacht zum 14. Februar 2025 wurde die seit 2019 bestehende neue Schutzhülle ("New Safe Confinement") des stillgelegten KKW Tschernobyl von einer Drohne getroffen und beschädigt. Die Schutzhülle umschließt den zerstörten Reaktorblock und den alten Sarkophag. Durch den Beschuss wurde ein Brand ausgelöst. Laut IAEO dauerte es mehrere Wochen bis alle Glutnester gelöscht werden konnten. Vorort wurden keine veränderten Strahlenwerte gemessen.
Am 6. Juni 2023 gab die IAEO bekannt, dass es im Gebiet um Tschernobyl wie jeden Sommer zu einem kleineren Waldbrand gekommen ist. Dieser stellte jedoch keine radiologische Gefahr für Österreich dar. Aufgrund von Trockenheit kommt es in der Sperrzone von Tschernobyl immer wieder zu Waldbränden. Dabei ist es möglich, dass die noch aus dem Reaktorunfall von 1986 stammende Radioaktivität aus dem Boden in die Luft freigesetzt wird. Österreich wäre durch die freigesetzte Radioaktivität nicht gefährdet. Zuletzt kam es im Jahr 2020 zu größeren Waldbränden in der Sperrzone.
Das ehemalige Kernkraftwerk Tschernobyl wurde am 24. Februar 2022 von russischen Truppen besetzt. Im Zusammenhang mit Kämpfen in der Nähe des ehemaligen Kernkraftwerks gab es Berichte über erhöhte Strahlenwerte. Diese dürften von aufgewirbeltem Staub durchfahrender Militärfahrzeuge stammen. Die erhöhten Strahlenwerte hatten keine Auswirkungen, die über die bestehende Sperrzone hinausgingen.
Ende März 2022 zogen sich die russischen Streitkräfte aus der Sperrzone zurück und diese befindet sich wieder unter Kontrolle der ukrainischen Aufsichtsbehörde. Das automatische Messnetz zur Überwachung der Strahlung in der Sperrzone Tschernobyl ist seit dem 5. Mai 2022 wieder verfügbar.
Das ehemalige Kernkraftwerk Tschernobyl, das nach der Katastrophe 1986 noch immer überwacht werden muss, ist permanent heruntergefahren. (Der letzte Reaktor wurde bereits im Jahr 2000 regulär außer Betrieb genommen.) Ebenfalls in Tschernobyl befindet sich ein zentrales Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente.
Tipp
- Die IAEA veröffentlicht regelmäßig Informationen zur aktuellen Situation in der Ukraine: Nukleare Sicherheit und radiologische Situation in der Ukraine (→ IAEO)
- In dem Bericht zu einem Jahr Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine beschreibt die IAEA die Situation der ukrainischen KKW: Bericht „Nuclear Safety, Security and Safeguards in Ukraine, February 2022–February 2023” (→ iaea.org)
- Radiologische Situation in der Ukraine (→ Ukrainischen Aufsichtsbehörde SNRIU)
- Die IAEA veröffentlicht regelmäßig Presseaussendungen und Informationen zur radiologischen Situation weltweit: Radiologische Situation weltweit (→ IAEO)
Hinweis
Der Bereitschaftsdienst der Abteilung Strahlenschutz verfolgt laufend die weitere Entwicklung. Es besteht aktuell keine Gefahr für Österreich.


