12. März 2019   Aktuell

Folge dem System, dann passt es schon ...

Quelle: Deutschlandfunk

Felix Bohr und Willi Winkler im Gespräch mit Christian Rabhansl

Cognac und Kippen schickte die junge Bundesrepublik an NS-Kriegverbrecher, die in ausländischer Haft saßen. Und in Deutschland wurde einflussreichen Nazis in einflussreiche Positionen verholfen. Ein „Braunes Netz“ nennt das einer unserer Gesprächspartner.

Als die Bundesrepublik noch jung war, ließ die neue Regierung kleine Weihnachtspakete verschicken. Darin befanden sich Cognac und Zigaretten. Beschenkt wurden damit Kriegsverbrecher. Einer von ihnen war Herbert Kappler. Unter anderem dessen Geschichte schreibt Felix Bohr in seinem Buch „Die Kriegsverbrecherlobby“. 

Während des Zweiten Weltkriegs leitete Kappler den Sicherheitsdienst und die NS-Polizei in Rom. In Italien organisierte auch Kappler den Holocaust. Er ließ das Römer Ghetto räumen und im März 1944 ließ er 335 italienische Zivilisten hinrichten per Genickschuss. Kappler schoss als einer der ersten. Bohr sagt: „Das Massaker war besonders grausam, weil sich die Täter betranken und ungenau zielten.“

Dennoch überwies der Staat Kappler, der in italienischer Haft saß, ein monatliches Taschengeld und zahlte ihm statt einem Anwalt drei Verteidiger. „Der Fall ist bezeichnend“, sagt Bohr. Denn wie Kappler sei vielen NS-Kriegsverbrechern geholfen worden – und diese Hilfe überdauerte viele geschichtliche Zäsuren. Darunter der Eichmann-Prozess und das Jahr 1968.

Mitlaufen lohnte sich im Dritten Reich und danach

Während der Staat versuchte, NS-Verbrecher in der Auslandshaft zu helfen, beförderte er ehemalige Nazis. Einer von ihnen war der Jurist Hans Globke, der 1936 den ersten Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen verfasst hatte. Dieser hatte viel Einfluss darauf, wie die Gesetze ausgelegt wurden. Dennoch beförderte Kanzler Konrad Adenauer ihn zu seinem Kanzleramtschef. Über den Fall Globke und ähnliche hat Willi Winkler ein Buch geschrieben, „Das braune Netz“.

„Globke ist der Beweis dafür, dass sich mitlaufen lohnt sowohl im Dritten Reich wie danach“, sagt Winkler. „Man muss einfach dem System folgen, was das System vorgibt, und dann läuft das schon.“ Adenauer, der zwar kein Nazi aber auch kein Demokrat gewesen sei, habe Globkes Anstellung stets damit begründet, dass er sich unvermeidlich auf das Personal von früher stützen müsste. Insbesondere bei Juristen: „Es gibt keine andere Berufsgruppe, die ähnlich schuldig geworden wäre wie die Juristen. Es ist nie einziger Jurist aus dem Dritten Reich verurteilt worden für das, was er angestellt hat.“

Dass frühere Nazis im Bundestag arbeiteten, in Gerichten urteilten, Konzerne leiteten oder an Unis dozierten, habe Deutschland zu einem wirtschaftlichen Erfolg geführt, schreibt Winkler. „In den 30er-Jahren war der Volksgemeinschaft eine Modernisierung Deutschlands versprochen worden und persönlicher Erfolg, ein eigenes Auto, Urlaubsfahrten, ein eigenes Haus.“ Doch dann kam der Krieg. Diese ganzen Versprechen seien dann in den Fünfzigerjahren erfüllt worden. Man habe in den Urlaub nach Italien fahren können oder ein Haus bauen. Unter einer Bedingung, sagt Winkler: „Wenn man arbeitet, wenn man nach vorne schaut, wenn man nicht zurück schaut.“

 

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