10. Oktober 2018   Aktuell

Blödsinn oder die Kunst der politischen Rede

Beitrag: Roswitha Engelke

 „Zu den Aufgaben der Philosophie gehört die Analyse von Begriffen, die weithin gebraucht wer­den, aber schlecht verstanden sind. Philosophen spüren dem Wesen von Raum, Zeit und Bewusstsein nach, sie ergründen die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis. Den Blödsinn hingegen ließen sie lange unbeachtet. Das ist erstaunlich, denn Blödsinn ist kein Randphänomen. Es gehört zu den Kuriositäten unserer Gesellschaft, dass sie auffällig viel davon produziert.“  In USA nennt man dies Bullshitten (Tobias Hürter, HOHE LUFT 1/2013)

Reden, ohne etwas zu sagen: Kaum eine Berufsgruppe hat das so perfektioniert wie unsere Politiker.

Oder etwas so auszudrücken, dass es nicht verstanden wird – beziehungsweise nicht verstanden werden kann oder soll. Steckt dahinter vielleicht ein System?

„Meine Damen und Herren, wir brauchen substanzielle Reformen zur Stabilisierung der Eurozone, nicht nur weil wir der größte Garantiegeber sind, sondern weil der Euro eine identitätsstiftende Wirkung hat.“

„Es sind große Aufgaben im Land und große Aufgaben in der Welt.“

„Franz Josef Strauß hat einmal gesagt: Dankbar rückwärts, mutig vorwärts, gläubig aufwärts.“  und

"Es gibt ka rechte Mittn, es gibt ka linke Mittn, es gibt nur die Position der Mittn..."

Schiefe Metaphern, Sprechblasen und Worthülsen – es scheint, als sei die Sprache der Politik Ausdruck eines tief sitzenden Widerspruchs: Einerseits sollen Politikerworte die Menschen erreichen, sie möglicherweise von einer Idee, einem Programm überzeugen, wenn nicht gar begeistern, auf der anderen Seite kommen im politischen Tagesgeschäft oft verbale Mittel zum Einsatz, die genau das verhindern.

Klarheit ist in der politischen Rhetorik ebenso Mangelware wie Unverwechselbarkeit. Offenbar greifen Politiker über Lagergrenzen hinweg in den gleichen Textbaukasten, um ihre umständlichen Satzgebilde zu errichten.

Warum, fragt man sich, können Politiker nicht einfach mal irgendwas tun, sondern müssen immerzu gestalten, womöglich sogar Dinge, die es noch gar nicht gibt – Zukunft zum Beispiel? Und warum können sie nicht einfach mal traurig sein, wenn etwas Schlimmes passiert ist, sondern sind stets nur „betroffen“? 

„Noch schlimmer ist, wenn Sie sagen: Das macht mich ein Stück weit betroffen. Das wäre sozusagen die Spitze des Politikerdeutschs.“

Und täglich grüßt das Phrasenschwein - Wenn es darum geht, mit vielen Worten nichts zu sagen, haben es viele Politiker zur Meisterschaft gebracht. – 

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