11. Juli 2021   Aktuell

Kalter Krieg 1956 + die nukleare Teilhabe heute

Beitrag von Roswitha Engelke, 12.07.2021, 12:19

Die USA haben Stationierungsplätze in europäischen Depots für bis zu 480 taktische Atomwaffen vom Typ B-61-3 oder -4.

Weiterhin werden in fünf europäischen Ländern 150 geschätzte taktische Atomwaffen gelagert. Sie sind in Belgien, Deutschland, den Niederlanden, der Türkei und derzeit noch Italien stationiert – also in Ländern, die offiziell als Nicht-Atomwaffenstaaten gelten und dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten sind!


Das Konzept der nuklearen Teilhabe ist ein Fahrplan innerhalb der Abschreckungspolitik der NATO, der  Mitgliedstaaten ohne eigene Nuklearwaffen in die Zielplanung und in den Einsatz der Waffen durch die NATO einbezieht. ... Im Kriegsfall können die Teilhabestaaten Nuklearwaffen unter US-amerikanischer Kontrolle "einsetzen".

Nukleare Teilhabe bedeutet für die beteiligten Staaten nichts anderes als auf ihrem Territorium für die USA Nuklearwaffen zu lagern, geeignete Flugzeuge oder Raketenträgersysteme bereitzuhalten und auf einen Einsatzbefehl der USA zu warten. Das heißt, dass die nukleare „Teilhabe“ schon immer eine Mogelpackung war und ist, denn die Verfügungsgewalt liegt immer nur bei den USA.

So kann z. B. Deutschland, selbst wenn es wollte, die USA nicht zwingen, als Antwort auf einen schwerwiegenden Angriff gleich welcher Art, die Bücheler Atombomben einzusetzen.

Nach dem Vertrag könnte Deutschland zwar den Einsatz seiner Tornados verweigern – die USA könnten aber trotzdem, wenn sie wollten, ihre B61-Bomben mit den eigenen F-16 Fighting Falcons von  ihren deutschen Airbasen aus zum Einsatz bringen.

Letzteres ist sehr beunruhigend angesichts der Provokationen der NATO gegenüber Russland und der Modernisierung der B61, die darauf abzielt, die „Einsetzbarkeit“ zu „verbesseren“.

Derzeit stellen von den drei Nuklearmächten der NATO (USA, Großbritannien, Frankreich) nur die Vereinigten Staaten Waffen für die nukleare Teilhabe an Belgien (Peer), Deutschland (Fliegerhorst Büchel), Italien (Flughafen Rimini), die Niederlande (Uden) und die Türkei (Incirlik Air Base) zur Verfügung.

Apokalyptisches Szenario des kalten Krieges 1956

Dass die USA sich nicht scheut, verbündete Staaten für die eigene Sicherheit zu opfern zeigt ein  Planungspapier des US-Militärs von 1956. Dieses enthüllt Hunderte Atombombenziele in der DDR: in Ostberlin 68, Leipzig 37, Jena 11. Von der DDR wäre nichts weiter übriggeblieben als eine atomar verseuchte Wüste. Es muß in diesem Zusammenhang jedoch jedem europäischen "Verbündeten" klar sein, dass von ganz Deutschland und weiten Teilen Europas nichts mehr geblieben wäre als eine kontaminierte Mondlandschaft.

 

Allein in Leipzig sollten drei Atombomben einschlagen und insgesamt 37 Ziele vernichten. Eine weitere Atombombe war für Borna geplant, südlich der Messestadt. Hätte es nach diesem atomaren Schlag noch Überlebende gegeben, hätte sich denen ein apokalyptisches Szenario geboten: Im Umkreis von 100 Kilometern sollten weitere Atombomben in Leuna, Böhlen, Altenburg, Gera oder Karl-Marx-Stadt einschlagen.

Im Ernstfall wären zahlreiche amerikanische Bomber auf einmal gestartet, um die festgelegten Zielorte zu "neutralisieren" – ein massiver Nuklearschlag auf die gesamten sozialistischen Staaten, einschließlich China.

Auf der atomaren Liste des US-Militärs standen mehr als 1.200 Städte. Die DDR wäre gleich zu Beginn betroffen gewesen, zuerst die Militärflugplätze, die Industrieanlagen und Ballungsräume, erklärt der Historiker Matthias Uhl. (Dr. Matthias Uhl, 1970 in Nordhausen geboren, studierte Politikwissenschaften und Osteuropäische Geschichte in Halle und Moskau. Seit 2005 arbeitet er am Deutschen Historischen Institut in Moskau.) 

Restlos vernichtet

Einige Industriestädte in der DDR wären besonders schwer bombardiert worden. Für Jena waren drei Atombomben für 11 Ziele vorgesehen: darunter das Stadtzentrum, der Norden Jenas - samt russischer Kasernen - und der Industriekomplex mit Zeiss, Schott und Jenapharm. Die Stadt sollte ganz offensichtlich restlos vernichtet werden. Besonders erschreckend: Selbst die Bevölkerung Jenas - Kategorie 275 - gehörte zu den Zielen des nuklearen Angriffs.

Atombombe vom Typ 'Fat Man'
Atombombe vom Typ "Fat Man" (1960) Bildrechte: dpa

Die Militär-Planer guckten einfach ganz schematisch: Was gibt es für Industrieanlagen, wo befindet sich das Elektrizitätswerk, wo befindet sich das Wasserwerk, wo befindet sich der Flughafen und wo Militäreinrichtungen? Und schon habe ich viele Ziele beisammen.

Dr. Matthias Uhl

Atompilze über dem Himmel von Berlin

Für die Hauptstadt der DDR planten die US-Militärstrategen vier Atombomben für 68 Ziele: darunter die DDR-Administration, Industriestandorte, Militäreinrichtungen und Wohngebiete. In den Vororten der Stadt hätte es etliche weitere atomare Explosionen gegeben. Die Zielliste für die Berliner Region summiert sich auf insgesamt 91 Orte. (Quelle: Mdr.de)

Glaubt hierzulande wirklich noch ein Mensch, dass die USA/NATO aus reiner menschenliebender Freundschaft für Deutschland/Europa die NATO-Osterweiterung betreiben?

Wer die Aufmerksamkeit auf die Propaganda gegen Russland durch die westlichen Medien beobachtet und richtig deutet, dem sollte klar werden, dass die Sicherheit Europas und damit auch Deutschlands Sicherheit den USA am Arsch vorbeigeht ... Die Interessen  der USA liegen anderswo.

Ihre Spuren ziehen sich wie ein blutiger roter Faden durch die Weltgeschichte in Form von Sanktionen, Putschen und Völkerrechtsbrüchen zwecks Ausbeutung fremder Ressourcen.

 

 

 

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