22. Juni 2022   Aktuell

Mathias Broeckers: Notizen vom Ende der unipolaren Welt - 33

Eine objektive Abrechnung mit der westlichen Politik. Alle bisher erschienenen Notizen hier

Mathias Broeckers

Weil John Mearsheimer, Politikwissenschaftler an der Universität Chicago und eminenter Vertreter einer “realistischen” US-Außenpolitik, das Vorgehen des Westens gegen Russland in der Ukraine deutlich  kritisiert hat,  ist er mittlerweile so etwas wie der Doyen der akademischen “Putinversteher” in den USA. 

Vor drei Jahrzehnten allerdings, als  sich nach dem überraschende Ende des Kalten Kriegs die politischen Denker die Köpfe über neue Konfliktlagen auf dem geopolitischen Schachbrett zerbrachen, hatte er noch für eine atomare Bewaffnung der Ukraine plädiert, während sein konservativer Kollege Samuel Huntington dort weniger einen militärischen als einen zivilsatorisch-kulturellen Konflikt kommen sah.

 

Huntingtons Bestseller über den “Clash of Civilisations” (Kampf der Kulturen, 1996), den er primär zwischen dem Westen und dem Islam aber auch entlang  anderer Bruchlinien ansiedelte, wurde zwar als grobe Vereinfachung oft und scharf kritisiert, erfuhr aber nach 9/11 mit den Konflikten im Nahen Osten auch teilweise Bestätigung. Und was Russland und die Ukraine betrifft,  erweisen sich die 25 Jahre alten Prognosen seines “zivilisatorischen Paradigmas” als sehr realitätsnah. Hier ein Ausschnitt aus dem ersten Kapitel von Huntingtons Buch:

"Paradigmen generieren auch Vorhersagen, und ein entscheidender Test für die Gültigkeit und Nützlichkeit eines Paradigmas ist das Ausmaß, in dem sich die von ihm abgeleiteten Vorhersagen als genauer erweisen als die von alternativen Paradigmen. Ein statistisches Paradigma veranlasst John Mearsheimer beispielsweise zu der Vorhersage, dass “die Situation zwischen der Ukraine und Russland reif für den Ausbruch eines Sicherheitswettbewerbs zwischen ihnen ist. Großmächte, die eine lange und ungeschützte gemeinsame Grenze haben, wie die zwischen Russland und der Ukraine, verfallen oft in einen von Sicherheitsängsten getriebenen Wettbewerb. Russland und die Ukraine könnten diese Dynamik überwinden und lernen, in Harmonie zusammenzuleben, aber es wäre ungewöhnlich, wenn sie dies tun würden.”

Ein zivilisatorischer Ansatz hingegen betont die engen kulturellen, persönlichen und historischen Bindungen zwischen Russland und der Ukraine sowie die Vermischung von Russen und Ukrainern in beiden Ländern und konzentriert sich stattdessen auf die zivilisatorische Bruchlinie, die die orthodoxe Ostukraine von der unierten Westukraine trennt – eine zentrale historische Tatsache, die Mearsheimer im Einklang mit dem “realistischen” Konzept von Staaten als einheitliche und sich selbst identifizierende Einheiten völlig ignoriert. Während ein etatistischer Ansatz die Möglichkeit eines russisch-ukrainischen Krieges hervorhebt, minimiert ein zivilisatorischer Ansatz diese Möglichkeit und betont stattdessen die Möglichkeit einer Teilung der Ukraine in zwei Hälften, eine Teilung, die aufgrund kultureller Faktoren zwar gewalttätiger als die der Tschechoslowakei, aber weit weniger blutig als die Jugoslawiens ausfallen könnte. Aus diesen unterschiedlichen Vorhersagen ergeben sich wiederum unterschiedliche politische Prioritäten. Mearsheimers etatistische Vorhersage eines möglichen Krieges und einer russischen Eroberung der Ukraine veranlasst ihn, den Besitz von Atomwaffen in der Ukraine zu unterstützen.

Ein zivilisatorischer Ansatz würde die Zusammenarbeit zwischen Russland und der Ukraine fördern, die Ukraine auffordern, ihre Atomwaffen aufzugeben, substanzielle wirtschaftliche Unterstützung und andere Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der ukrainischen Einheit und Unabhängigkeit fördern und eine Notfallplanung für den möglichen Zerfall der Ukraine unterstützen.”

Dass der aktuelle Krieg nicht stattfinden würde, wenn sich die US-Außenpolitik an Huntingtons Prioritäten gehalten hätte, ist ziemlich offensichtlich. Und die nun anstehende Nachkriegs-Teilung des Landes wird sich an dieser kulturellen, religiösen, sprachlichen Bruchlinie vollziehen, die auch ein politische Grenze ist (siehe die Ergebnisse der letzten Wahl vor dem Maidan-Putsch). Schon 1993, in einem berühmt-berüchtigten Vortrag und Essay, der seinem Buch vorausging, hatte Huntington diese “Frontlinie”  durch Europa beschrieben:

 

 

 

“Die wichtigste Trennlinie in Europa ist, wie William Wallace vorschlägt, möglicherweise die östliche Grenze des westlichen Christentums im Jahr 1500. Diese Linie verläuft entlang der heutigen Grenzen zwischen Finnland und Russland und zwischen den baltischen Staaten und Russland, schneidet durch Weißrussland und die Ukraine und trennt die eher katholische Westukraine von der orthodoxen Ostukraine, schwenkt nach Westen und trennt Siebenbürgen vom Rest Rumäniens, und verläuft dann durch Jugoslawien fast genau entlang der Linie, die heute Kroatien und Slowenien vom Rest Jugoslawiens trennt 

Der Samtene Vorhang der Kultur hat den Eisernen Vorhang der Ideologie als die wichtigste Trennlinie in Europa abgelöst. Wie die Ereignisse in Jugoslawien zeigen, ist er nicht nur eine Trennlinie, sondern zuweilen auch eine Linie blutiger Konflikte.”

Was ich am 24. Februar, dem Tag des russischen Einmarschs, hier geschrieben hatte: Das Jugoslawien Russlands in der Ukraine – und NATOstan muss wütend zuschauen – erleben wir gerade. Es wäre ohne jeden Krieg zu haben gewesen, denn mehr als eine militärisch neutrale und freundliche Nachbarschaft wollte und will Russland nicht. Auch an der Krim bestand kein territoriales Interesse, solange der langfristige  Pachtvertrag über den unverzichtbaren Marinestützpunkt Sewastopol existierte, den die Putsch-Regierung bekanntlich sofort widerrief. Und auf Geheiss ihrer Overlords in Washington gegen die “Separatisten” im Osten des Landes mit Waffengewalt vorging und jede friedliche Wiedervereinigung (Minsk 1 und 2) verhinderte. Und so wird jetzt in einem blutigen Konflikt geschaffen, was ein “zivilisatorischer Ansatz” auch ohne Gewalt hätte erreichen können.

Doch das wollte und will NATOstan nicht, denn auf der Agenda stand und steht “Russland schwächen” und das soll jetzt durch einen möglichst langen Krieg “bis zum letzten Ukrainer” erreicht werden.

Da dieser Punkt bei täglich 500-1000 getöteten oder verwundeten ukrainischen Soldaten sehr bald erreicht ist, wird dieses tragische Schlachtfest, dessen Ausgang ebenso absehbar wie vermeidbar war, jetzt mit dem “worst case” und einem Berg von Leichen und Trümmern enden.

So wie im Übrigen alles, was die Kriegsführung der USA und ihrer NATO-Vasallen in den letzten 25 Jahren (in Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien) angerichtet hat.

Im Geschäftsleben würde man einen derartigen “Dienstleister” sofort raussschmeißen, einem “Verteidigungsbündnis” freilich, dessen katastrophale militärische Inkompetenz nur Chaos und Terror hinterläßt, werden weiter Milliarden zugeschoben. Wie denn das? Es geht nicht um die Verbreitung von “Demokratie”, “Freiheit”, “Menschenrechten” oder gar um Sicherheit und  Frieden. Es geht auch nicht darum, Kriege unbedingt zu gewinnen. Es geht um Krieg in Permanenz.

Zwei NATO-Clowns ist angesichts der absehbaren Niederlage der größten je von ihnen aufgerüsteten Stellvertreter-Armee jetzt der Kragen geplatzt: der neue britische Armeechef ruft dazu auf, einen Landkrieg gegen Russland vorzubereiten und der deutsche Luftwaffengeneral Gerhartz appelliert, “notfalls Atomwaffen” zu nutzen. “Diese Knallhart-Ansagen zweier europäischen Armeen dürften bei Putin Gehör finden!”

meinte die “Bild”-Zeitung dazu und wird durch Messungen an der meterdicken Kreml-Mauer bestätigt. Vorallem die Drohung mit einem Angriff der weltweit gefürchteten  Bodentruppen Großbritanniens löste auf dem Lachsalven-Detektor Spitzenwerte aus, die Ansage Gerhartz dagegen stürmisches Kopfschütteln darüber, dass in der Nachfolge Hermann Görings ein ahnungsloser Luftikus installiert wurde, der  von “Zweitschlagkapazität” noch nie gehört hat und hypersonische Raketen für ein Märchen hält. Und wegen verantwortungslosem, selbstmörderischem Geschwätz eigentlich sofort gefeuert werden müsste.
Olaf Scholz sieht das natürlich anders und glaubt, dass Putin Angst davor hat »dass der Funke der Demokratie auf sein Land überspringen könnte«. Dass die Kreml-Detektoren des bekanntlich überängstlichen Putin da keinerlei Ausschläge anzeigten liegt wohl daran, dass Ansagen über “Demokratie” von Kolonialverwaltern, die auf Befehl ihrer Herren dem eigenen Land die Energie abdrehen und die Ökonomie abwürgen, einfach ignoriert werden können. Sie weisen keinen Funken demokratischer Souveränität mehr auf.

Und auch keinen Funken Verstand, wenn sie wie Scholz noch immer halluzineren, dass es keinen “Diktatfrieden Putins” geben wird – als ob er und die Bundeswehr noch irgendeinen Einfluss darauf hätten, wann und wie Russland die “Militäroperation” beendet und welche Vereinbarungen über ihre Ziele – “Demilitarisierung” und “Denazifizierung” – künftig getroffen werden. Scholz, Macron und Draghi, die als europäische Musketiere von der traurigen Gestalt gerade nach Kiew gerumpelt sind, werden da  definitiv nichts zu diktieren haben. Sie konnten den regierenden Komiker ja nicht einmal davon abhalten, seine Landsleute weiter Tag für Tag als Kanonenfutter an die Front eines aussichtslosen Kriegs zu schicken.

Sie haben nicht nur ihre nationale Souveränität und die Realitiätswahrnehmung verloren, sondern auch die letzten Funken Moral. Von Selbstkritik und Einsicht in das krachende Scheitern des großen Plans, Russland mit Sanktionen und Krieg zu ruinieren, ganz zu schweigen.

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